Es ist ein herbstlicher Montag hier in Köln. Ein wenig Regen. Grau und trister Himmel. Ich trinke seit Stunden Tee. Ich habe die Nacht vor lauter Husterei kaum eine Auge zu gemacht. Bewusst will ich mich nicht vor die Glotze setzen und schaue bei Twitter ein wenig was da so zum Hashtag #Europa geschrieben wird. Ganz besonders geht heute ein Artikel im Handelsblatt durch die Timeline:

AUFRUF – Für ein solidarisches Europa – Machen wir Ernst mit dem Willen unseres Grundgesetzes, jetzt! Wir starten einen Aufruf für ein Europa, das unsere Art zu leben schützt und das Wohlstand für alle schafft – ein Europa der Demokratie und der Menschenrechte.

Die Initiatoren sind Hans Eichel (war Finanzminister), Jürgen Habermas (ist Philosoph und Soziologe), Roland Koch (war hessischer Ministerpräsident), Friedrich Merz (ist Rechtsanwalt und CDU-Politiker), Bert Rürup (ist Handelsblatt-Chefökonom) und Brigitte Zypries (war Bundesministerin für Wirtschaft und Bundesministerin für Justiz). Sie verweisen auf den Frieden in Europa. Ja, dem kann ich mich umgehend anschließen. Ebenso sind Meinungsfreiheit und Pressefreiheit geschützt. Für mich ist es unverständlich wie man behaupten kann seine Meinung nicht sagen zu können und zu dürfen. Per Twitter erhalte ich eine Einladung: Das Museum Burg Posterstein veranstaltet eine Blogparade mit dem Thema „Europa ist für mich …“ und Hashtag #SalonEuropa. Ich fange an zu tippen, denn mir fällt spontan eine Begebenheit dazu ein:

Mein Großvater mütterlicherseits war nach dem Krieg auch ein wenig Schmuggler im Dreiländereck Belgien – Deutschland – Niederlande. Vor allem Kaffee musste ja irgendwie in Aachens Haushalte. Er hat wohl auch mal einen ganzen Büll (=Sack) Crepeschuhe mit angeschleppt. Meine Oma muss wohl zunächst sehr sauer gewesen sein, für die kommenden Wochen hatten Sie aber durch den Verkauf erstmal keine Sorgen. Er wurde zum Glück nicht erwischt. Auf der anderen Seite der Grenze verrichteten die niederländischen Zöllner ihren Job. Einer von Ihnen war der Vater von Frans Timmermans. Frans Timmermans, der seit dem 1. November 2014 Erster Vizepräsident der EU-Kommission und EU-Kommissar für Bessere Rechtssetzung, interinstitutionelle Beziehungen, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechtecharta ist, konnte ich 2017 im Maastrichter Rathaus persönlich ansprechen. Kritisch und direkt. Man versetze sich mal 75 Jahre – oder mehr – zurück. Man stelle sich vor ein hoher Politiker der Niederlande ist der besondere Gast des Abends und dann sitzt ein Deutscher im Publikum. Ein frecher Niemand. Stinknormaler Bürger. Allgemein als „kleiner Mann“ bezeichnet. Und der Deutsche wirft dem Niederländer vor, dass die Politik diskriminierend ist. Diskriminierend gegenüber dem einfachen Volk ohne Abschluss einer Uni.

Ich weiß nicht wie es damals gewesen wäre. Ich weiß nur, dass seit es die EU gibt, man Kritik und Meinung sagen kann – gerade politischen Institutionen und Vertretern gegenüber. Ins Gesicht. Direkt. Ich konnte Frans Timmermans meine Kritik sagen.

Die Frage “Was wäre gewesen wenn sein Vater damals hingegen meinen Großvater an der Grenze erwischt und gar erschossen hätte?” kommt mir in den Sinn. Sie ist zum Glück irrelevant.

Ich konnte das Rathaus in Maastricht übrigens unbehelligt verlassen. Vorher gab es noch Häppchen. Heute mache ich mit Menschen aus allen europäischen Ländern zusammen Politik. Wir haben unsere Agenda für die Wahlen zum Europaparlament 2019 so gut wie fertig. Wir stellen Sie euch vor: am 27.10.2018 in Amsterdam.

Wenn mich jemand fragt, was Europa für mich bedeutet, dann ist es grenzenlose Chancengleichheit, Frieden und Wohlstand, Sicherheit und Freiheit. Nichts davon ist perfekt. Nichts davon ist für immer. (Friedrich Jeschke)

Europa steht für Zukunft und Zusammenhalt.

Europa bedeutet für mich euch freundlich zu bitten gefälligst den Arsch hoch zu bekommen 😉 (Danke Schlecky Silberstein! )

Mittlerweile ist auch blauer Himmel über Köln. Der Husten nervt mich weiterhin, aber es geht mir besser.


Europa bedeutet für mich aber noch mehr, zum Beispiel:


Weitere Links zur Blogparade #SalonEuropa

weitere Artikel :


7 Kommentare

Marlene Hofmann · 22. Oktober 2018 um 16:39

Das nenne ich Spontanität! Vielen Dank, dass du trotz Husten deine Meinung zu Europa und so viele interessante Links zum Weiterlesen mit unserer Blogparade #SalonEuropa teilst! Diese wunderbaren kleinen Alltagsgeschichten machen Europa genauso aus wie die große Politik. Und du hast Recht: Unser Luxus ist, dass wir in einer Zeit in Europa leben, in der Kritik problemlos öffentlich geäußert werden darf. Das sollten wir nicht als Selbstverständlichkeit betrachten und davon wenn nötig Gebrauch machen.

Vielen Dank (und gute Besserung!)
Marlene Hofmann aus dem Museum Burg Posterstein

Friedrich · 22. Oktober 2018 um 16:50

Hallo Frau Hofmann, danke für Ihren Kommentar! Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg und bin gespannt auf die weiteren Artikel.
Herzliche Grüße, Friedrich

Peter Soemers · 23. Oktober 2018 um 09:34

Wunderbar!

Bis heutemorgen kannte ich @elfritzos und @VoltEuropa noch nicht. Mein Arsch kam in Maastricht zur Welt und hat sich unbehelligt 3 Jahre durch Aachen bewogen. Im Maastrichter Rathaus habe ich nicht Frans Timmermans die Wahrheit gesagt, sondern “Ja” zu meiner Frau – sie ist aus dem Rheingau.

Wieviele von uns könnten ähnliche Geschichten erzählen … Ja, wir sollten den Arsch hochkriegen und sie tatsächlich erzählen! #SalonEuropa ist ein grossartiger Anlass dazu. Und Volt Europa auch!

Danke und liebe Grüsse,
Peter Soemers

Tanja Praske · 23. Oktober 2018 um 10:56

Lieber Friedrich,

wow … ich las den Artikel gestern schon in der U-Bahn. Wie das aber so ist, flüchtig zu lesen, nahm ich ihn heute anders wahr. Das ist, obwohl er im Gewand der Spontanität daherkommt (ist er zwar), kein Artikel, den ich schnell wieder ad acta legen könnte, denn es steckt viel mehr dahinter, auch wenn du (hoffe das Duzen ist o.k.) tiefgehende Gedanken kurzweilig, den Husten verdrängend, hervorbringst. Bei Schlecky Silberstein stolperte ich besonders, da ich gerade sein aktuelles Buch lese “Das Internet muss weg”.

Und ja, der verlinkte Artikel von ihm “Das Problem sind die Demokratie-Schwarzfahrer” bleibt – du bist kein “Schwarzfahrer”. Burg Posterstein und die Teilnehmer der Blogparade auch nicht, vieles ist sehr persönlich, einiges mit der Erfahrung hinter Mauern einst gelebt zu haben geschrieben. Eine Salonkultur, die weiter zu denken ist.

Vielen herzlichen Dank für deine Gedanken. Die letzten Beiträge zur Blogparade sind sehr politisch, einige muss ich noch lesen, denn auch heute gingen weitere Impulse zum #SalonEuropa ein – wir sind bei 64 Artikeln, die viel Denkstoff bereithalten und tatsächlich nach mehr rufen.

Grüße aus München
Tanja

Katja | Hin-Fahren · 23. Oktober 2018 um 19:44

Lieber Friedrich,
Du sprichst mir aus der Seele. Auch ich habe mich spontan hingesetzt und zu #SalonEuropa geschrieben (aber ohne Husten). Wie gut, dass sich die Vorfahren damals nicht begegnet sind und wie gut, dass es Europa gibt. Deinen Ausführungen stimme ich absolut zu. Viele Grüße aus der Pfalz Katja

Einladung zur Blogparade “#SalonEuropa – Europa ist für mich…” – Geschichte & Geschichten · 22. Oktober 2018 um 16:31

[…] Der Friedrich: #SalonEuropa – Was Europa für mich bedeutet // @elfritzos (22.10.2018) […]

61. Der Friedrich: #SalonEuropa – Was Europa für mich bedeutet // @elfritzos (22.10.2018) – Salon Europa · 22. Oktober 2018 um 16:44

[…] Hier geht es zum ganzen Artikel […]

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