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6:4 – wohlgemerkt nach Elfmeterschiessen – gewann die Alemannia gegen Eintracht Frankfurt. Etwas mehr als ein Jahr zuvor gab es die Paarung in Pokalrunde zwei. In Frankfurt, anderer Sieger aber selbes Ergebniss. Ich war dabei. Hier der Rückblick:

Vor gut 10 Jahren lernte ich bei einem meiner Urlaube in Griechenland zwei nette Mädels aus der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden kennen. Sie sind ebenfalls jedes Jahr im selben Ort und es hat sich eine echte Freundschaft entwickelt. Im August 2009 war ich zusammen mit einem der Mädels, ihrer Familie und ihrem Freund Leo auf dem sonnigen Südpeloponnes. Wir hatten ein Ferienhaus gemietet und als wir so schön am Strand lagen, erhielt ich die SMS mit dem nächsten Pokalgegner der Alemannia: die Eintracht aus Frankfurt – allerdings im Waldstadion.

Kurzerhand vereinbarten wir uns zum Spiel in Frankfurt zu treffen und es gemeinsam zu schauen. Ich orderte einen Haufen Karten und zusammen mit sechs Freunden aus dem Urlaub, die aber an diesem Abend für die Eintracht die Daumen drückten, war ich ausnahmsweise mal nicht im Gästeblock. Um mich herum waren natürlich viele Eintrachtler. Ich fiel umgehend als einzelnen Öcher im Block auf aber es war alles fair und respektvoll. Genauso wie ich es mir vorstelle. Der ein oder andere dumme Spruch – er kommt ja von mir auch – gehört einfach dazu.

Seit nun mehr als 11 Jahren bin ich Fan der Alemannia und habe kaum ein Heimspiel verpasst. Regelmäßige Auswärtsfahrten sind – leider – deutlich schwieriger aber wenn es klappt, dann bin ich dabei. Die Highlights habe ich mal niedergeschrieben und werde Sie hier mit und mit veröffentlichen.

Nun saß ich da. Die gut 500 mitgereisten Fans der Alemannia zwei Blöcke neben mir. Bis jetzt hatte die Mannschaft eine eher suboptimale Saison gespielt und Trainer Jürgen Seeberger wurde entlassen. Sein Nachfolger, Michael Krüger, gab an diesem Mittwochabend sein Debüt auf der Aachener Trainerbank. Ein neuer Trainer gibt ja oft Anlass zur Besserung und ganz so schlecht war es nicht bestellt um meinen Optimismus. Ich bin immer optimistisch.

Das Spiel war noch nicht mal richtig angepfiffen, da hatte Frankfurts Caio schon das 1:0 erzielt. 27.000 Frankfurter jubelten – davon ein ganzer Block um mich herum. Der zweite Pfiff des Abends von Schiedsrichter Dr. Jochen Drees war erneut ein Anstoß. Keine 60 Sekunden war das Spiel da alt. Ich wurde in meinem Sitz fünf Zentimeter kleiner. Und irgendwie kam mir die noch vor 15 Minuten verdrückte Stadionwurst fast wieder hoch. Die hat mir in Frankfurt eh noch nie geschmeckt.

Kurzzeitig zeigte die Alemannia Moral und Florian Müller hätte beinahe das 1:1 erzielt. Oka Nikolov tat sich bei der Parade nicht leicht, zeigte aber bereits bei dieser Aktion, warum er im Pokal oft den Vorzug erhält. Die Hoffnung auf ein schnelles Gegentor war bereits in der 5. Minute dahin. Ausgerechnet der Grieche Liberopoulos haut die Pille zum 2:0 ins Netz vor unserer Tribüne. Ich könnte kotzen. „Malaka“ entfährt es mir. Ich mag die Griechen. Den seit heute nicht.

Babacar Gueye, der senegalesische Haudegen, gesegnet mit viel technischer Finesse aber bis heute wenig Torgefahr, ließ mich dann doch im Frankfurter Block aufspringen. Nach 23 Minuten reckte ich die Faust zum Himmel und ein lang gezogenes „Jaaaaaaaa“ zerriss die abendliche Luft. Die Leute im mich herum lächelten müde. Mir war’s scheiss egal. Bis zur 45. Minute hielt die Alemannia gegen den Bundesligisten ganz gut. Hochkarätige Chancen hüben wie drüben. Es war ein regelrechter Schlagabtausch. Als ich schon mit dem Pausenpfiff rechnete, segelte doch noch eine Flanke in den Sechzehner der Alemannia und Lukas Szukala drückte den Ball über die eigene Linie: 3:1… Chris, selbst hätte der liebe Gott ihn ohne Beine gesegnet, wäre zur Stelle gewesen. So ein Eigentor ist trotzdem bitter. Zu den jubelnden Hessen kamen auch schon die ersten mitleidigen Blicke. Das kann ich gar nicht vertragen.

Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Ich bin Optimist. Es ist DFB-Pokal. Da geht noch was. So geht es durch meinen Kopf. Ich bin mit guten Freunden da. Freunden, die ich mehr in Griechenland sehe als in Deutschland. Wir wohnen gerade mal 250 Kilometer auseinander. Es ist der blanke Hohn für mich das ausgerechnet der Liberopoulos das 4:1 macht. Mensch was kann ich den nicht leiden. Nur drei Minuten später, es ist gerade mal die 53. Spielminute, erzielt Alexander Meier das 5:1. Ich bin nur noch gefühlte 1,50 Meter groß. Um mich herum jubelt alles. Die Blicke werden mitleidiger. Ich bekomme erste aufmunternde Klopfer auf die Schulter. Ich bleibe ruhig. Ich will kein Stadionverbot riskieren. 5:1 …Au Hur!

Als der Frankfurter Russ kurze Zeit später das 6:1 auf dem Fuß hat, könnte ich fast ausflippen. Dabei zeigt die Alemannia groteskerweise ihr bis dato bestes Saisonspiel. Doch der Alemanne kennt keinen Schmerz – erst Recht nicht nach der Saison 2009 / 2010. Benny Auer macht das 5:3! Erneut brülle ich inmitten dieser Frankfurter Eintrachtler – mittlerweile mag ich selbst meine jubelnden Freunde nicht mehr – erneut ein langes »Jaaaaaaaaaa!!«. Das müde Lächeln der Gastgeber lässt mich kalt. Und während ich einsam im Block noch den Helden markiere macht der Auer das 5:3! Jetzt geht wieder was. Die Väter hören auf mit Ihren Söhnen zu flachsen und um mich herum wird es unruhig. Plötzlich kommen erste Angstgefühle auf . Ich zünde mir nach dem Jubel die nächste Zigarette an. Ich atme tief durch, inhaliere das Nikotin und beruhige mich ein wenig. Jetzt bloß keinen Herzinfarkt. Malaka!

Die Alemannia stemmte sich auf einmal gegen die drohende Nierderlage. Frankfurt begann zu schwimmen und erneut schlug Babacar Gueye zu! »Jaaaaaaaaaa!!« Ich brüllte als hätten wir soeben gewonnen. 5:4 in der 87. Minute. Es ist Pokal! Wir sind der Underdog! Ich bin Optimist! Da geht noch was! »Kämpfen Aachen, Kämpfen!!« skandiere ich alleine im Block – unterstützt von den 500 anderen wackeren Öchern.  Doch während wir noch jubeln, ich auf dem Sitz springe wie von der Tarantel gestochen, senst der Stuckmann doch glatt nen Frankfurter im Sechzehner um. Selim Teber verwandelt den berechtigten Foulelfmeter zum 6:4. Das Stadion flippt aus. Der Teber hat in seiner Zeit bei Frankfurt ein einziges Tor geschossen – ausgerechnet gegen meine Alemannia.

Das Spiel ist vorbei. 10 Tore in einem Pokalspiel. Gegen einen Bundesligisten. Ich bleibe noch ein par Minuten sitzen während die Frankfurter Anhänger das Stadion verlassen. Niemand will die Mannschaft noch groß feiern. Zu geschockt scheint man wohl, dass ein Zweitligist zwischendurch angefangen hat aufzumucken. Ich gehe nach dem Spiel mit einem Grinsen auf dem Gesicht zum Parkplatz. Die hämischen und bemitleidenswerten Blicke der Gastgeber sind verschwunden. Es gibt sogar vereinzelte Respektsbekundungen. Und auf dem Parkplatz klopfen  mir die Freunde, ich habe sie längst wieder lieb, auf die Schulter. Nix mit Aufmunterung und Mitleid – sondern Anerkennung für Moral und Kampfgeist. »Tja«, sage ich, »die Hauptsache ist doch, dass man stolz auf seine Mannschaft sein kann«. An diesem Abend war ich es.


3 Kommentare

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Martin · 29. Dezember 2010 um 12:49

Sehr gut geschrieben. Ich hab ein bisschen mitgezittert.

Limitierte Jungs und ein Déjà-vu | Sportfreunde Kaiserstadt · 21. November 2011 um 11:46

[…] Und als dann Auer plötzlich in der 78. Minute aus dem Nichts den Anschlusstreffer markierte, hatte ich ein Déjà-vu. Ich erinnerte mich an meinen letzten Besuch im Herbst 2009. DFB-Pokal und Michael Krügers erstes Spiel als Coach der Alemannia. Man verlor seinerzeit 6-4 in einer sehr kuriosen Partie. […]

»Ich hoffe, dass sich die Alemannia in der Liga hält!« – “Matze” Lehmann im Interview | Sportfreunde Kaiserstadt · 21. April 2012 um 13:39

[…] dass es immer viele Tore gab in den Partien gegen die Hessen. Sei es in der jüngeren Historie das 6-4 im Pokal 2009/2010 oder das Hinspiel mit einem kuriosen […]

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