Illegal nach Griechenland

Nicht nur die Italiener haben ein massives Problem mir illegalen Einwanderern, sondern auch die Griechen. 90% der illegalen Einwanderer in die EU kommen über das Mittelmeer und die griechisch-türkische Grenze. Hauptsächlich handelt es sich um Menschen aus Afghanistan, Afrika und Irak. Seit Jahren haben die Griechen dieses Problem. Im Oktober 2010 rief man die EU um Hilfe an. Sogar ein Grenzzaun zwischen Griechenland und der Türkei ist angedacht. Da ich ja nun fast jedes Jahr in diesem eigentlich doch sehr tollen und menschenfreundlichen Land bin, muss ich einfach mal etwas dazu schreiben.

Immer wenn ich in der griechischen Hafenstadt Patras bin, sehe ich viele dieser Flüchtlinge. Sie versuchen auf die Fähren Richtung Italien zu gelangen um von dort aus weiter nach Österreich, Frankreich aber vor allem Deutschland zu reisen. Dafür riskieren sie ihr Leben indem sie sich einfach in das Fahrgestänge oder die Achsen der LKWs hängen. Sobald ein LKW einen Moment unbeobachtet ist, stürmen gleich mehrere Leute darauf zu und versuchen es immer wieder sich irgendwo auf/im/am LKW zu verstecken. Es sind mittlerweile täglich so viele und so verzweifelte Menschen, dass die Polizei, der Zoll und die LKW-Fahrer alle Hände voll zu tun haben, dem Treiben Einhalt zu gebieten.

Als ich zuletzt 2009 in Patras am Hafen auf meine Freunde wartete, die mit der Fähre aus Ancona kamen, konnte ich dieses Katz-und-Maus-Spiel volle drei Stunden beobachten. Würde es nur dabei bleiben, würde sicherlich kein Grieche auf die Idee kommen Grenzzäune zu bauen oder Flüchtlingslager abzubrennen bzw. zu räumen. Dies geschah nämlich vor kurzem in Patras. Wie konnte es also dazu kommen, dass ein recht lebensfreudiges, offenherziges, solidarisches  und hilfsbereites Volk solch drastische Maßnahmen ergreift? Viele Gründe verschiedensten Ursprungs führen dazu:

Es sind verdammt viele und es werden täglich mehr

Täglich kommen neue Flüchtlinge in das Land. Sowohl über den Land- als auch den Seeweg wird versucht die Europäische Union zu erreichen. Am häufigsten wird dafür ein gut 13 Kilometer langer Abschnitt des Grenzflusses Evros (zur Türkei – Grenzlänge auf dem Festland insgesamt 206 KM) in der Nähe der Stadt Orestiada genutzt. Etliche ertranken bei der Überquerung des Flusses. Auch über andere Schlupflöcher an der Grenze, vor allem über das Meer, kommen viele Einwanderer. So sind es mittlerweile über 300.000, die hauptsächlich in den Hafenstädten Patras und Igoumenitsa ihre Lager aufgeschlagen haben und die Weiterreise versuchen. Schon vor über 15 Jahren, als ich noch mit meinen Eltern mit dem Auto nach Griechenland reiste, gab es dieses Problem und wir machten vorsichtshalber die Knöpfe an den Türen runter.

13.676 Kilometer Küstenlänge

Alleine die reine Küstenlänge Griechenlands beträgt 13.676 Kilometer und erschwert damit eine Überwachung der Einwanderung. Es gibt unzählige Stellen auf dem Festland und den Inseln, die das Anlegen eines Bootes erlauben. Schlepperbanden und Flüchtlingsboote können so flexibel und für die Behörden nahezu unvorhersehbar Einwanderer ins Land bringen. Auch die Grenzen zu Bulgarien (494 KM), Albanien (282 KM) und Mazedonien (228 KM) sind für illegale Einwanderer begehrte Einreisestellen.

Wirtschaftliche Probleme – Finanzkrise & hohe Arbeitslosigkeit

Nicht unerheblich ist die, vor allem nun tief in der Krise steckende,  griechische Wirtschaft. Das hochverschuldete sowie von Schattenwirtschaft und Korruption geprägte  Land (140% des BIP alleine in 2010) ist zudem extrem bürokratisch. So muss ein Bürger aus dem tiefsten Süden des Peleponnes für viele Angelegenheiten extra nach Athen reisen. Ohne ein ausgebautes Schienennetz und seit Jahren nicht reparierten Autobahnen ist der Grieche mindestens einen Tag unterwegs. Die Unzufriedenheit ist groß, wenn man beispielsweise Ärzte schmieren muss um Behandlungs- und Operationstermine zu bekommen. Für die Entfernung eines Muttermals musste eine Freundin erst 300 € für einen Termin zusätzlich unter der Hand zahlen und nochmals 3.000 € für die Operation. Die Lebenshaltungskosten sind seit der Einführung des Euros für griechische Verhältnisse explodiert, die Löhne aber nicht gestiegen. So hat nun vermehrt die Bevölkerung Angst vor den illegalen Einwanderern auch die schlecht bezahlten Jobs, um die sich in Griechenland lange nicht so viele drücken wie bei uns, zu verlieren. (siehe auch: Jorgos über die Krise in Griechenland)

Kriminalität & Angst

Hinzu kommt, dass sich die illegalen Einwanderer auch im kriminellen Umfeld betätigen. Nicht verwunderlich, haben sie doch nichts zu verlieren. Die Kinder und Frauen werden zum Betteln auf die Straße geschickt und müssen alles den Familienoberen abgeben. Man hat sofort Mitleid mit den Kindern, wenn man im Café sitzt und angesprochen wird, aber man weiß praktisch: Die Kinder sind die größten Opfer und Leidtragenden. Hat man dann doch mal was gegeben, kommen plötzlich aus dem nichts weitere Kinde und vor allem die Mütter und versuchen einem noch mehr abzuschwatzen. Auch schrecken viele Flüchtlinge nicht vor Einbruch und Diebstahl zurück. Wer kann es einem da verübeln, wenn man Angst hat und die Leute eher nicht in seiner Umgebung wissen mag?

Die Folge sind vermehrt körperliche Übergriffe und Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Einwanderern. Die Polizei sieht lieber weg oder ist auf Seiten der Landsleute. In allen Belangen trifft es auch hier die Schwächsten. Ein sich stets wiederholendes Bild. Dabei werden viele Fakten einer griechischen Außländerfreundlichkeit fast schon vergessen:

Warum die Griechen Hilfe bekommen müssen

78% der griechischen Bevölkerung befürworten den EU-Vertrag. In keinem europäischen Land ist die Zustimmung so groß und selbst der EU-Beitritt der Türkei, dem “Erzfeind”, wird gefordert und unterstützt. Seit 1980 wurde das Asylrecht und der Erwerb der Staatsbürgerschaft mehrfach stark vereinfacht. Mit der Geburt auf griechischem Hoheitsgebiet erhält man die grieschiche Staatsbürgerschafft, ebenso, wenn man die ersten drei Grundschuljahre bzw. ingsgesamt 6 Schuljahre absolviert. In diesem Fall muss kurz erwähnt werden, dass sich Griechenland mit einer Bildungsreform etwas schwer tut. Die griechisch-orthodoxe Kirche hat enormen Einfluss auf das Bildungswesen und ist in ihren Einstellungen leider doch noch sehr konservativ. Der generelle und allgemeine Zugang zu Bildung ist ein , auch für die Griechen, großes Problem und beliebtes Diskussionsthema in den Tavernen.

Griechenland wachsen gerade mit der illegalen Einwanderung und der Wirtschaftskrise zwei Probleme über den Kopf , die für Europa und somit auch für Deutschland nicht folgenlos sind. Ich hoffe, dass Deutschland und die EU meinen Freunden im Süden unter die Arme greifen aber auch, dass meine Freunde anfangen aufzuräumen und die für die Hilfe notwendigen Voraussetzungen schaffen. Wenn ich im Sommer da bin, will ich Fortschritte sehen 😉

Anlass diesen Artikel nun zu veröffentlichen war das dramtische Unglück vor der Insel Lampedusa, bei dem über hundert Flüchtlinge ihr Leben verloren, und der damit verbundenen Diskussion um die europäische Flüchtlingsproblematik. Europa darf nicht mehr wegsehen.

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