Die Ungeduld der BILD

griechenland-deals  / pixelio.de
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Sicher haben es einige von Euch mitbekommen: Die Bild hat an alle Bundestagsabgeordnete eine Mail geschickt und wollte wissen, wie die Abgeordneten denn bei einem möglichen dritten Hilfspaket für Griechenland abstimmen würden. Die Grünen-Abgeordnete Tabea Rößner schrieb frech zurück (hier ihr Beitrag). Einer der BILD-Redakteure moniert nun das noch nichts veröffentlicht sei.

Zur zeitlichen Einordnung: BILD wünscht die Antworten bis Montag, 23.03.2015 um 10:00 Uhr. Frau Rößner will die Antwort auf Ihre Frage bis Dienstag, 24.03.2015 10:00 Uhr. Ihr Beitrag stammt vom 20.03.2015.

Dann tritt BILD-Redakteur Ralf Schuler am Samstag auf den Plan. Auf facebook berichtet er von einer Mitteilung an Frau Rößner. Und er fragt sich, wann denn seine Antwort veröffentlicht wird.

Ich finde das witzig, Herr Schuler auch… Auf mein „ROFL“ kommt


Nun, Herr Schuler sitzt ja auch erst heute an der Auswertung. Ich habe seine Ungeduld als Journalist nicht verstanden. Ich konnte mir nicht verkneifen da das mihmihmih anzusprechen.


Wenn Herr Schuler um 10:49 Uhr also noch Zeit zum Antworten auf Twitter hat, so bleibt zu hoffen, dass viele Abgeordnete des Bundestages es Frau Rößner gleichtun: Nicht Antworten und erst Entscheidungen treffen wenn Fakten da sind.

Mir macht es Angst, wenn solche Menschen die Artikel der auflagenstärksten Zeitung so angehen. Dies zeigt sich dann auch in Herrn Schulens Antwort an Frau Rößner. Mit seinem Post auf facebook dokumentiert er, dass er subjektiv eine sehr voreingenommene Meinung hat.

Hier sein Post und meine Anmerkungen dazu:

Sehr geehrte Frau Rößner,
vielen Dank für Ihr Interesse an BILD, das Sie mit Ihrer Anfrage zeigen. Ich halte die Umfrage, die wir derzeit im Bundestag machen, weder für anstößig noch für ehrenrührig und habe dazu auf meiner FB-Seite auch etwas geschrieben (siehe unten). Was Ihre Frage betrifft, so führt BILD keine “Kampagne, die pauschal ein ganzes Volk stigmatisiert und diffamiert“.

Also wenn schon der Deutsche Journalistenvervand eine Erklärung (26.02.2015) „Selfie-Aktion von Bild.de- Sofortiger Stopp gefordert “ verfasst ist das schon etwas. Und ja, ohne die Berichterstattung im Zusammenhang ist auch Herr Varoufakis gleich ein Lügner. Nicht auszudenken wenn griechische Medien sich dies bei Frau Merkel oder Herrn Steinmeier erlauben würden. Einige wenige tun dies leider – ähnlich wie die BILD: Ohne Kontext und ohne Zusammenhang. Sie spiegeln nicht die Meinung der Griechen wieder – dies kann ich aus eigener Erfahrung sagen!

Es gibt allerdings auch keinen Weg an den Fakten vorbei, dass Griechenland die günstigen Zinsen nach dem (erschwindelten) Euro-Beitritt zu einer enormen Verschuldung genutzt hat,

*räusper* – Wer hat dem Beitritt zugestimmt? Wer hat den Beitritt gar mit forciert? Bei den Manipulationen hatte die US-Bank Goldman Sachs geholfen. Sie gewährte Griechenland mittels sogenannter Cross Currency Swaps (Währungstausch) verdeckte Kredite. Griechenland verkaufte seine Schulden in Fremdwährung – zum Beispiel in Schweizer Franken oder in Yen – an Goldman Sachs. Die Investmentbanker tauschten die Schulden dann zu einem fiktiven Kurs in Euro. Griechenland war scheinbar die Schulden los und verfügte über frisches Geld. (Zitat LPB BW) Damals mit verantwortlich: der heutige EZB-Präsident. Ist das alleine die Schuld der Griechen?

die nicht Investitionen, sondern der Konsumtion diente. Vorgetäuschte Zweitjobs in großer Zahl, Korruption,

Sie wissen schon wer die Firmen waren die geschmiert haben? Rheinmetall und Siemens sind prominente Beispiele aus Deutschland. Dies findet hier keine bis kaum Empörung.

fehlende staatliche Strukturen, geringe Wirtschaftskraft: Griechische Regierungen haben es bis heute leider versäumt, den Menschen die volle Tragik der Lage zu erklären.

Ach ja, und kaum ist ein zugegeben kritisch zu betrachtendes Links-Rechts-Bündnis im Amt ist die Empörung da. Als Frau Merkel Samaras und Papadopoulos die Schulter klopfte war alles prima, nicht wahr? Das es bis zum Januar 2015 nicht wirklich Fortschritte gab lag an einseitigen Reformen. Reformen die die Vorgänger von Tsipras und Varoufakis nicht angepackt haben. Sie kennen die Lagard-Liste? Sie wissen dass in der Vorgängerregierung Namen davon verschwanden?

Die Schulden wurden gesamtgesellschaftlich gemacht, und auch die Konsequenzen müssen nun gesamtgesellschaftlich getragen werden. Auch die neue Regierung von Herrn Tsipras bildet nun schon wieder Legenden und weist sogar den hilfsbereiten Euro-Staaten Schuld zu, die 2010 den Kollaps des Landes verhindert haben.

Wann waren Sie zuletzt in Griechenland? Wann haben Sie zuletzt mit griechischen Bürgern gesprochen? Notwendige Reformen wurden sicherlich nicht optimal umgesetzt, doch liegen zum Beispiel die Steuererklärungen vieler Griechen unbearbeitet auf den Ämtern – weil auf Druck der Troika Beamte entlassen wurden. Zu viel Sparen bedeutet auch keine Einnahmenkontrolle. Wo war die Kritik der BILD am nachgewiesenen fragwürdigen System der Troika?

Vor diesem Hintergrund halte ich es für mehr als legitim, dass BILD auch die schmerzhaften Fakten zu Griechenland auf den Tisch legt.

Sofern die Fakten richtig dargestellt werden hat sicherlich auch niemand etwas dagegen!

Natürlich haben die Menschen dort auch unser Mitgefühl verdient für die Notlagen, in die sie durch jahrelange Misswirtschaft ihrer politischen Eliten gebracht wurden.

Warum schreibt die BILD dann immer „die Griechen“?

Wenn wir den Euro und Europa aber als Ganzes erhalten wollen, dann müssen Regeln auch dann gelten, wenn es um harte Einschnitte geht. In den fünf Jahren seit Ausbruch der Krise hat sich kein Hinweis ergeben, mit welchem Geschäftsmodell Griechenland wieder zu Wachstum kommen könnte.

Schade dass das Gegenteil belegt werden kann. Doch fallen Initiativen und Maßnahmen auch in Ihrer Berichterstattung unter den Tisch. Wo bleibt die kritische Nachfrage auch von BILD zur von Frau Merkel ausgesprochenen Jugendgarantie?

Deshalb ist die These, dass das Land unter den Bedingungen des teuren Euro und der Rettungskonditionen nicht auf die Beine kommen kann, recht nahelegend, finde ich.

In dieser These stimme ich Ihnen zu. Nur was bezwecken Sie mir Ihrer reißerisch gestellten Frage an die Abgeordneten? Fakt ist: Die Rettungskonditionen sind Maßnahmen Gläubiger zu befriedigen. Hauptsächlich die EU-Staaten. Als Steuerzahler komme ich mir verarscht vor, wenn man nicht alle Möglichkeiten ausschöpft. Noch hat der deutsche Steuerzahler nicht zahlen müssen für griechische Schulden. Dies wird aber unausweichlich so kommen. Doch wird der deutsche Steuerzahler bei einem „Grexit“ oder „Graccident“ weitaus mehr verlieren.

Eine Konsolidierung mit Hilfe einer abgewerteten Währung ist deshalb keine Idee einer “Kampagne” o.ä., sondern wird von ernstzunehmenden Ökonomen bis in die Spitze der Bundesbank hinein vertreten.

Gut dass es auch Stimmen gibt, die Ihrer These widersprechen. Zum Beispiel die Zeit. Aber Griechenland steht mit seinen Problemen nicht alleine da. Auch andere Länder haben Probleme die Auflagen der EU (Maastrichter Verträge) einzuhalten. So beschreibt die Labdeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg:

Der Grexit (Greek Euro exit), ein Austritt Griechenlands aus dem Euro, ist auch keine wirkliche Alternative. Hellas könnte dann zwar die neue Drachme abwerten und so wettbewerbsfähig werden. Nur – die Griechen würden vorher ihre Banken stürmen, um Ihre Euroguthaben abzuheben. Das griechische Bankensystem könnte zusammenbrechen und andere europäische Banken mitreißen.

Herr Schulen, wie wäre es also mit einer Berichterstattung von beiden Seiten? Ihre Meinung kenne ich jetzt. Nur ist Ihre Aufgabe alle Fakten unterzubringen. So interpretiere ich Journalismus!