Mir fiel leider keine passende Überschrift ein zu dem, was mir hierzu durch den Kopf geht. Auf dem Bild sehr ihr den Engländer Bob Weighton. Er starb am 28.05.2020 im Alter von 112(!) Jahren. Geboren wurde er am 29. März 1908. Gerade in Zeiten von Corona empfinde ich persönlich tiefe Demut vor so einem Menschen. Ich weiß nicht ob er für oder gegen den Brexit war, aber ich weiß, dass er schlimmere Zeiten überlebt hat als die Corona-Zeit. Darum dieser Text hier!
Man muss sich mal vorstellen, dass Automobile 1908 eine Seltenheit und nur etwas für sehr sehr reiche Leute war. 1908 durfte – außer in Finnland – noch in keinem Land der heutigen EU eine Frau wählen. (1) An Bobs erstem Geburtstag verliest der Deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow vor dem Reichstag eine Rede, in der sich das Deutsche Reich demonstrativ hinter Österreich-Ungarn und dessen Annexion von Bosnien und Herzegowina stellt. Dies löst den ersten Weltkrieg aus und den Hass der Nationen aufeinander. (2)
 
Sein Vater bezahlte zusätzlich 3 Pfund pro Schuljahr, damit er bis zu seinem 16. Lebensjahr an der Schule bleiben konnte, was ihm die Aufnahme einer Lehre als Schiffbauingenieur ermöglichte. Eine zur damaligen Zeit sehr hohe Summe. Nach seiner Ausbildung zog Weighton nach Taiwan, um an einer Missionarsschule zu unterrichten, obwohl er zunächst zwei Jahre in Japan verbringen musste, um die Sprache zu lernen.
Im Ersten Weltkrieg starben mehr als neun Millionen Soldaten, darunter über zwei Millionen aus Deutschland, fast 1,5 Millionen aus Österreich-Ungarn, über 1,8 Millionen aus Russland, annähernd 460.000 aus Italien. Frankreich hatte über 1,3 Millionen, Großbritannien rund 750.000 militärische Todesfälle zu beklagen. (3)
 
Während des ersten Weltkrieges grassierte weltweit übrigens die „Spannische Grippe“. Eine Pandemie, die zwischen 27 Millionen und 50 Millionen Menschenleben forderte, Vermutungen reichen bis zu 100 Millionen. Damit starben an der Spanischen Grippe mehr Menschen als im Ersten Weltkrieg (17 Millionen). Insgesamt sollen etwa 500 Millionen Menschen infiziert worden sein, was eine Letalität von 5 bis 10 Prozent ergibt, die damit deutlich höher lag als bei Erkrankungen durch andere Influenza-Erreger. (4)
 
Im Jahr 1937 heiratete Weighton seine Frau Agnes, eine Lehrerin, die er seit ihrem gemeinsamen Studium in England kannte. Nachdem sie in Hongkong geheiratet hatten, kehrten sie nach Taiwan zurück, wo ihr erstes Kind, David, geboren wurde. Die Familie beschloss 1939, in das Vereinigte Königreich zurückzukehren, wurde aber wegen des beginnenden Zweiten Weltkriegs nach Toronto in Kanada umgeleitet. Während ihres Aufenthalts in Kanada hatte das Paar zwei weitere Kinder, Peter und Dorothy.
 
Die Gesamtzahl der Toten des zweiten Weltkrieges lässt sich nur schätzen. Für die durch direkte Kriegseinwirkung Getöteten werden Schätzungen von 60 bis 65 Millionen angegeben. Die Schätzungen, die Verbrechen und Kriegsfolgen einbeziehen, reichen bis zu 80 Millionen.
 
Auch diesen Krieg überlebte er.
 
Weighton zog später nach Connecticut in die Vereinigten Staaten und arbeitete in einer Fabrik, die Flugzeuge für Großbritannien herstellte, um ihnen beim Kampf gegen den Krieg zu helfen. Er arbeitete auch eng mit dem amerikanischen Geheimdienst zusammen. Später zog er nach Washington und nach Kriegsende zurück nach England, wo er schließlich einen Lehrauftrag an der City University in London übernahm.
 
An seinem 75sten Geburtstag, es ist der 29.03.1983, ziehen die Grünen das erste Mal als Bundestagsgruppe in den Deutschen Bundestag ein. Am selben Tag wird Helmut Kohl als Bundeskanzler wiedergewählt und bildet am folgenden Tag sein Kabinett Kohl II.
 
Am 29. März 2017 – an seinem 109(!) Geburtstag beantragt Großbritannien offiziell den EU-Austritt. Ich weiß nicht wie seine Einstellung dazu war.
 
Im März 2020 war Weighton gezwungen, seine Feier zum 112. Geburtstag wegen der COVID-19-Pandemie abzusagen. Außerdem war es ihm aufgrund von Regeln zur sozialen Distanzierung nicht möglich, von einem Guinness-Weltrekorde-Beamten besucht zu werden, der als ältester Mann der Welt anerkannt wird. Stattdessen veranlasste die Einrichtung für betreutes Wohnen, in der er lebt, dass ihm das Personal auf seinem Balkon eine Urkunde überreichte. (5)
 
Man muss sich mal vorstellen, was dieser Mann und seine Familie viel heftigere Zeiten und Katastrophen erlebt haben. Europa hatte zwei Weltkriege inklusive Trümmerlandschaften und eine Pandemie hinter sich. Da war er 37. So alt wie ich heute.
 
Wir haben aktuell eine fiese Pandemie – aber mal ehrlich: In Europa steht noch alles. Wir haben hier keine Monarchien und Regime mehr, die Demokratie unterdrücken (auch wenn das so in diesen Tagen gerne behauptet wird.)
 
Das Leben von Bon zeigt, dass wir es doch schaffen können. Wir haben jetzt harte Jahre vor uns – aber wir haben bereits Frieden. Wir haben bereits eine Demokratie. Wir haben keine Trümmer.
 

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