
Nach der Arbeit noch schnell zur Sitzung, Unterlagen wälzen, wichtige Entscheidungen treffen – und am Ende bleibt das Gefühl: So trifft man keine gute Entscheidung. In Köln stemmen 283 ehrenamtliche Mandatstragende ihr Engagement zwischen Kita, Job und Abendbrot: 90 im Stadtrat, je 19 in den neun Bezirksvertretungen, 22 im Integrationsrat. Fast täglich wirkt Politik wie ein zweites Schichtsystem mit kurzfristigem Dienstplan. Wer hat da realistisch die Kraft mitzumachen, wenn Termine nicht familienfreundlich sind und digitale Teilnahme bremst statt hilft?
Es geht ums Miteinander
Demokratie lebt davon, dass Leute aus allen Jobs und Lebenslagen am Tisch sitzen – Handwerk, Pflege, Öffentlicher Dienst, (Solo-)Selbstständige, Studis, Eltern, Menschen mit Migrationsgeschichte. Wenn Sitzungen spät oder kurzfristig sind, Unterlagen knapp bereit gestellt werden und die Freistellung durch die Vorgesetzen zum Problem wird, bleiben genau die Nachbar:innen draußen, die wir dringend brauchen. In meinen Augen wird so die Realität der Menschen nicht ausreichend vertreten.
Mein persönlicher Alltag damit
Der Regionalrat Köln tagt „seltener als der Stadtrat“, aber die Anzahl der Unterlagen war zuletzt enorm: zur Juli-Sitzung gab es insgesamt über 15.800 Seiten alleine zum Tagesordnungspunkt “Neuaufstellung des Regionalplanes Köln”, davon mehr als 4.000 kurz vor der Abstimmung. Seriös prüfen? Unmöglich. Genau das habe ich in meiner Rede gesagt und auch in der Stellungnahme mit der Fraktion kritisiert. https://www.youtube.com/watch?v=zM3y5NaVNzY
Suchen Sie sich doch ein anderes Hobby
Mitarbeiter der Stadt Köln
Ich bin vor über einem Jahr beruflich in Teilzeit gewechselt, um Familie, Job und Ehrenamt zu vereinen. Unterstützt wird das nicht immer: Hybride Sitzungen? Teile von Verwaltung und Politik blocken. Kopfschütteln auch beim Onboarding für die Bezirksvertretung Köln-Lindenthal: Auf meine Frage, den technischen Einrichtungstermin für die Hardware freitags oder nach 17 Uhr zu legen (Kita, Arbeit, Freitag = Ehrenamtstag), kam: „Freitags geht grundsätzlich nicht. […] Suchen Sie sich doch ein anderes Hobby.“ Ganz ehrlich: Dat kann’s doch nicht sein.
Pragmatische Ideen
- Verlässliche Zeiten und Hybride Sitzungen: Planbare Termine, abends nicht endlos, digital mit vollem Stimmrecht – Engagement darf nicht gegen Familie und Job ausgespielt werden.
- Faire Entschädigung und echte Freistellung: Schicht- und Care-Arbeit dürfen kein Ausschlussgrund sind – mit klaren Zeitrechten und Kündigungsschutz.
- Klare Fristen für Unterlagen: Rechtzeitige Bereitstellung, verständliche aufbereitet, “Nachschiebelisten” und Tischvorlagen nur im Ausnahmefall und nur bei einstimmiger Zustimmung des Gremiums
- Betreuung mitdenken: Kinderbetreuung und Pflegeunterstützung unkompliziert ermöglichen (nicht immer finanziell das Problem!) – sonst zahlt am Ende die Familie.
- Türen auf für Vielfalt: Mentoring und aktive Ansprache in Schulen, Betrieben, Vereinen
Ehrenamt in Köln, Vollzeit in Bremen und dem Saarland
Wenngleich der Haushalt in Köln größer ist als der eines Bundeslandes (z.B. Saarland oder Bremen), braucht es nicht überall hauptamtliche Politiker:innen. Es braucht professionelle Rahmenbedingungen und Respekt für das Ehrenamt. In Köln haben viele Mandatsragenden oft das Gefühl sich nach der Verwaltung richten zu müssen, statt dass die Verwaltung hier sich den ehrenamtlichen Kräften annimmt.
Uu diesem Text angestoßen hat mich ein Artikel im Kölner-Stadtanzeiger mit meinem Parteifreund Christian Achtelik und das Interview mit Norbert Kersting. Ja, mehr Geld allein macht keine bessere Politik. Aber ohne Zeit, Tools und faire Bedingungen wird aus gutem Willen zu oft eine Zumutung.
Politik darf kein “Eliten-Hobby” sein. Wenn wir Bedingungen schaffen, die alltagstauglich sind, wird Mitmachen normal. Respekt zeigen wir nicht in Reden, sondern in verlässlichen Zeiten, digitalen Zugängen und echter Entlastung.
Politik ist, wenn möglichst alle mitmachen können – und nicht nur die, die Zeit und vor allem Geld haben.
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