Wenn die Unpolitischen politisch werden

Wer die Medienlandschaft verfolgt, stellte dieser Tage fest, dass die BILD sich dem Thema Ultras im Fußball sehr stark angenommen hat. Kein Wunder, steht doch die Saison 17/18 in den Startlöchern. So hieß es am 04.08.2017 So gewalttätig wird die neue Saison und zwei Tage später WATZKE WARNT – „Ultras rücken zusammen“ – BVB-Boss spricht über die explosive Stimmung vor dem Bundesliga-Start um dann am 08.08 zu titeln Erster Fußball-Profi fordert Knast für Ultras.

Warum plötzlich dieser Focus auf die Ultras? Was steckt dahinter? Die Antwort lieferte heute die Karlsbande Ultras in Aachen. Beim Fanclubabend von Alemannia Aachen verkündete eines der Mitglieder, dass sich nahezu alle Ultragruppierungen Deutschlands vor gut 14 Tagen getroffen haben um sich über die Positionierung und Maßnahmen gegenüber der Strafmentalität und Strategie des Deutschen Fußballbundes, kurz DFB, zu verständigen. Beim nächsten Treffen sollen die Pläne konkreter werden. 

Warum der DFB jetzt Angst hat

Das klingt zunächst nach Aktionismus und der von der BILD befürchteten Gewalt. Nach dem Marsch Dresdener Fans in Karlsruhe hatten Vertreter des DFB das Gespräch mit der Fanszene in Dresden gesucht. Irgendwie musste man ja dann doch mal versuchen über so ein Thema zu sprechen. Die Dresdener waren allerdings clever und sprachen sich mit sämtlichen Ultragruppierungen ab. DFB-Präsident Reinhard Grindel und Dr. Rainer Koch, 1. DFB-Vizepräsident, sollen persönlich bei dem dann folgenden Gespräch mit den Dresdener Vertretern dabei gewesen sein, die, mit den Zusagen der anderen Ultragruppierungen im Rücken, den Spieß aber umdrehten.

Den Verantwortlichen des DFB musste daraufhin die Pumpe gegangen sein, wie man so schön sagt. Die Ultras hatten politisch agiert. Statt Pyro und Schmähgesang gab es einen taktischen Zug. Einen, der dem DFB Angstschweiß hervorbringt.

Kurzer Sprung ins Jahr 2011

Am zweiten November 2011 kündigt der DFB aus heiterem Himmel die Gespräche mit Fanvertretern und Ultras auf. Heiß, aber sachlich wie Beteiligte berichten, ging es um die Möglichkeit Pyrotechnik im Stadion abzubrennen. Das urplötzliche Beenden der Gespräche mit dem gleichzeitigen Verweis, nun noch enger mit Polizei und Justiz zusammenzuarbeiten, schlug ein wie eine Bombe. Es folgten Monate voller hitziger Diskussionen und Pyroshows der Ultras. Das Ergebnis: Das umstrittene DFL-Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“. Beim Fangipfel am zweiten November 2012, also ein Jahr nach dem Platzen der Gespräche, war ich selber in Berlin.

„Wir werden noch eine klare Ansage machen. Wenn es dann erneut Probleme gibt, muss man aber überlegen, die Gespräche zumindest temporär zu unterbrechen.“ Martin Kind, Präsident von Hannover 96, damals gegenüber dem FOCUS

Die Fronten waren verhärtet. Es folgten weitere Jahre, mit weiteren Fankongressen. Die Spirale drehte sich auseinander: Ultras zündeten Pyrotechnik und die Banner und Gesänge gegen den DFB wurden mehr – und lauter. Gleichzeitig verschärfte sich der Einsatz von Polizei und Justiz. Die Unschuldsvermutung galt in und ums Stadion immer weniger. Ich weiß selber von verhängten Stadionverboten, die man nur aus dem Grund aussprach, damit man überhaupt jemanden hatte, der eins bekam. Dazu Kollektivstrafen die normale Fans auf die Seite der Ultras brachte. Ungerechtigkeit mag der gemeine Fan so gar nicht.

Leider fielen die Ultras immer mehr durch Aktionen auf, die es dem DFB und den Sicherheitsbehörden leicht machten ihre harte Linie zu fahren. Fehlverhalten von Sicherheitspersonal und auch der Polizei konnte aufgrund der Vorfälle seitens der Ultras ja „begründet“ werden. Ich selber habe erlebt, wie Polizisten sich nicht mehr im Sinne des Rechtsstaates verhalten haben. Genauso habe ich erlebt, wie „die Bullen“ und „ACAB“ pauschal als der Feind stigmatisiert wurden.

Und jetzt kommen die Unpolitischen politisch

Der nahezu vollständige Schulterschluss der Ultras gegen den DFB ist nun geheim und unbemerkt gelaufen – ein Coup. Die Idee, jetzt zusammn zu agieren kann aber nur funktionieren, wenn man am eigenen Verhalten etwas ändert. Dies wiederum bringt den DFB in die eben große Not. Clubs und Sponsoren fragen sich, warum der DFB nach dem Pokalfinale die Vereine aus Frankfurt und Dortmund für das Abbrennen von Pyrotechnik bestrafen will – wo doch der DFB Gastgeber war. Bestraft er sich denn mal selber?

Die, die sonst gerne davon sprechen, dass Politik nichts im Stadion zu suchen hat, werden nun fanpolitisch aktiv. Gelingt es den Ultras dabei auf Pyrotechnik und Krawalle zu verzichten, kann der DFB nicht anders als sich an den Tisch setzen – auf Augenhöhe.

Die Kernfragen

Können die Ultras auf Pyrotechnik und Krawall verzichten und in den eigenen Reihen die erforderliche Ruhe gewährleisten?

Kann der DFB auf Augenhöhe und ehrlich agieren und Fehler eingestehen? Wird er auf Augenhöhe handeln?

Beides ist unklar. Aktuell liegt der Ball beim Verband – und die Ultras haben gerade die bessere Quote.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.