Krisi 2012

(scroll down for the English version)Angela arbeitet seit 3 Jahren in einem schicken Hotel in der Nähe von Koroni. Der malerische Hafenort am Golf von Messinien ist ein beliebtes Ziel für Touristen aus Deutschland, Österreich und Italien. In der Hauptsaison war das Hotel ausgebucht. Selbst im September und Oktober sind noch viele Zimmer belegt. In das 4-Sterne Domizil, welches unauffällig in der Natur steht, verschlägt es allerdings eher die wohlhabenden Skandinavier und Russen. Angela ist es egal. Bei fast 30% Arbeitslosenquote der jungen Griechen ist sie sehr glücklich, dass sie überhaupt einen Job hat.

Auch die 35-Jährige Vassiliki aus Athen hat einen Job. Allerdings wurde der Beamtin drastisch das Gehalt gekürzt. Statt 1300 Euro Brutto bleiben ihr nur noch 800 Euro im Monat. Sie lebt nun wieder in einer Wohnung mit ihren Eltern im Athener Vorort Cholargos. Im Gegensatz zu Angela hatte Vassiliki noch keinen Kontakt zu Touristen und geschweige denn zu Deutschen. Als ich sie auf dem Flug von Frankfurt nach Athen ansprach, da sie neben mir saß, und mich mit ihr ein wenig unterhielt, wurde eines schnell klar: Solange die internationalen Massenmedien und Politiker nicht mitspielen, können in Südeuropa Reformen und Einsparungen gemacht werden ohne Ende, sie werden nichts bringen.

Vassiliki hält hielt uns Deutsche für unhöflich, egoistisch und kaum solidarisch. Wer will es ihr verübeln, wenn das griechische Pendant zur “BILD”-Zeitung die anti-europäischen Stammtischparolen und Meinungen von Rösler und Co. abdruckt? Sowohl in Deutschland als auch in Griechenland werden sehr undifferenzierte Bilder der Gesellschaft vermittelt. In Griechenland zeigt man Merkel in Naziuniform und in Deutschland die raffgierigen und steuerhinterziehenden Griechen.

Das im hellenischen System einiges falsch läuft wissen auch die Griechen, aber man hat es (und das in ganz Südeuropa) versäumt die Regeln einzuhalten und den Staaten auf die Finger zu klopfen. Zu gerne ließ man Banken und Spekulanten gewähren und die Rettung soll nun auf Kosten der europäischen Steuerzahler erfolgen? Kein Wunder, dass der Nährboden für populistische Berichterstattung sehr ertragreich ist.

Eine Woche später, ich habe mich mit Vassiliki in Athen zum Essen verabredet, findet just an diesem Tag ein weiterer Generalstreik statt. Auch Vassiliki ist bei den gut 50.000 friedlichen Demonstranten am Syntagma-Platz. Aus Deutschland erhalte ich SMSen und besorgte Fragen: “Bist Du auch von dem Streik betroffen?” – “Ja“, schreibe ich zurück, “meine Freunde haben früher Feierabend.”

Ich nehme ein Taxi in den Außenbezirk, da ich meinen Mietwagen vor dem Hotel sicher wähne und außerdem den Weg gar nicht kenne. Außerdem stärke ich damit ein wenig die jammernde Wirtschaft der Athener Taxifahrer. (Ein wenig Ironie darf ja durchaus sein ;) )

Kaum losgefahren müssen wir erstmal einen Umweg nehmen. Der Syntagma-Platz ist noch gesperrt. Die Polizei und gewaltbereite Chaoten haben die Kundgebungen wieder mal zum Abbruch gebracht. Vielen Griechen stoßen diese Gewaltausbrüche übel auf. Auch Vassiliki erzählt mir davon, dass Polizei und Politik friedliche Demonstrationen gezielt stören und unterbinden wollen. Es wäre schlecht für das Bild im Ausland.

Nachdem Vassiliki mich mit auf einen beliebten Aussichtspunkt genommen hat und die Sonne langsam über Athen untergeht, startet etwas weiter unten ein gut besuchtes Marketingevent von (oder mit) adidas. Man darf die neuen Modelle testen. Am Verkaufsstand hat sich schon eine längere Schlange gebildet. Auch später im (zugegeben verdammt schicken) Café und im Restaurant sitzen die Reichen und Schönen sowie – die Politiker. Das Vertrauen in diese Personen ist immer weiter gesunken und Resignation und Hoffnungslosigkeit werden immer größer. Das gute Essen tröstet darüber nur ein wenig hinweg.

Am Ende des Abends habe ich aber eine weitere gute Freundschaft in diesem tollen Land geschlossen und freue mich noch mehr, einige Vorurteile aus der Welt geschafft zu haben. Vassiliki hat nun keine Angst mehr nach Deutschland zu reisen. Sie freut sich nun darauf. Ich habe Sie eingeladen und hoffe, dass es sich trotz Wirtschaftskrise irgendwie einrichten lässt. Ich habe immerhin noch anderweitig echtes Glück: Die Straßen rund um das Hotel, vor dem mein Mietwagen steht, wurden von den Chaoten verwüstet – nur um die Evripidou Street haben sie glücklicherweise einen Bogen gemacht. Stress mit der Mietwagenfirma hätte gerade noch gefehlt.

Vielleicht lesen es ja auch ein paar Journalisten und besinnen sich darauf, dass auch sie eine Verantwortung haben. Den Finger in die Wunde zu legen sollte doch eigentlich nicht das Problem sein. Wenn ein Broker oder Investmentbanker mit einem Fingerschnippen das Schicksal von tausenden von Menschen bestimmt, wenn eine Rating-Änderung Tausende Arbeitsplätze bedroht, dann sollte man viel mehr die öffentliche Aufmerksamkeit auf dieses Problem lenken. Arm und Reich wird es immer geben, aber wen ein bestimmtes Verhältnis überschritten ist, dann wird es für die Allgemeinheit gefährlich und bedrohlich. Wenn Politiker mehr an sich und ihre Freunde denken und nicht mehr an das Land, das sie regieren und repräsentieren, dann finde ich das auch hier in Deutschland.

Wie lange mag es bei uns gut gehen? Wie lange wird man sich hier gefallen lassen, das viele – vor allem große – Firmen fast nichts für Strom bezahlen, oder unsere Regierung das UN-Abkommen gegen Korruption nicht unterzeichnen will? Uns Deutschen geht es wahrlich gut (und ich mag mich da auch nicht beklagen), aber auch wir stehen vor den selben Problemen. Aber dies nur am Rande.

In meinem Beispiel sind es Griechen. Wer seit 25 Jahren seine zweite Heimat im Süden hat, wird es bei den Italienern und Spaniern genauso wiederfinden. Wäre es nicht so einfach und unkompliziert, einfach mal positive Signale an die Menschen zu senden? Wenn wir dort Urlaub machen, erfreuen wir uns an der südländischen Lebensfreude, an der Gastfreundschaft und an dem guten Wetter, welches automatisch für eine positive Atmosphäre sorgt. Nun können wir, ohne einen Euro dafür auszugeben, mal etwas tun und den Menschen einfach mal etwas Kraft und Zuversicht schenken. Ändern wollen sie es selber. Den Stolz sollten wir Ihnen nicht nehmen. Sie dabei unterstützen kostet ein Lächeln, ein aufmunterndes Wort und ein wenig Geduld.

Liebe Griechen, Kopf hoch und weiter kämpfen! – Αγαπητοί Έλληνες, ψηλά το κεφάλι και να αγωνιστεί σε!

English Version:

Angela has been working for 3 years in a fancy hotel near Koroni. The port on the Gulf of Messinia is a popular destination for tourists from Germany, Austria and Italy. In main season, the hotel was full occupied. Even in September and October, many rooms are occupied. In the 4-star domicile, which is built in nature, is more frequented by the wealthy Scandinavians and Russians. Angela does not care. With nearly 30% unemployment rate among young Greeks, she is very happy that she even has a job.

The 35-year-old Vassiliki from Athens has a job too. However, the officer’s salary was cut drastically. Instead of 1300 euros salary, she now still has only 800 euros a month. She is now back in an apartment with her parents in the Athens suburb of Cholargos. So far Vassiliki had no contact with tourists, especially with German. Othe flight from Frankfurt to Athens I spoke to her as they sat next to me, and after a short time it was obvious: As long as the international press and politicians not to play together in southern Europe, reforms and savings can be made as many as you can do, they will get to nothing.

Vassiliki thought that Germans are rude, selfish and have not solidarity. Who can blame her, if the Greek equivalent of the “BILD” newspaper reprints anti-European slogans and opinions of Rösler and the other hardliners? In Germany and in Greece are given very undifferentiated images of society. In Greece, Merkel is shown as a Nazi and in Germany the Greek are presented as rapacious tax-evading Greeks.

To the Greeks, the problems in the system are well aware, but in Greece (and across Southern Europe) the observation and the reaction failed. No doubt to let banks and speculators do whatever they want, and the rescue is now done at the expense by the European taxpayers? No wonder that the breeding ground for populist reporting is very productive.

A week later, I met Vassiliki in Athens for dinner, just on this day will be another general strike. Vassiliki is joining the more than 50.000 peaceful demonstrators in Syntagma Square. I receive SMS from Germany and anxious questions: “Have also affected by the strike?” – “Yes,” I write back, “my friends will have some time more early.”

I take a taxi to the suburb Cholargos because I believe my rental car is safe at the hotel and also do  not know the way. In addition, I will boost the economy of the taxi drivers in Athens. (A little irony )

First we have to change the route. Syntagma Square is still locked. The police and violent crowd have once again brought the peaceful demonstration to abort. Many Greeks condemn this violence. Vassiliki also told me about it, and that police disrupt the demonstrations and want to avoid them. It would be bad image for the abroad.

After Vassiliki take me to a popular viewpoint and the sun goes down over Athens, a marketing marketing of (or with) adidas starts. The people may test the new models. There a huge queue. Even later in the (very beautiful) cafe and restaurant the rich and famous are sitting – the politicians. The trust in these people has been fallen so far and resignation and hopelessness are getting bigger. The good food consoles over it just a little.

But at the end of the evening I have closed another good friendship in this great country and I am happy much more to have eliminated some prejudice from the world. Vassiliki is not afraid anymore to travel to Germany. She is now looking forward to do it. I invited her and I hope that it somehow will be realized – even though crisis. Nevertheless i have luck: The streets around the hotel are devastated. Only the Evripidou Street is clean. Problems with the car-rental-company would be a disaster.

Maybe some journalists will read this and remind their responsibilities. It should not be a Problem to tell the truth. If a broker or investment banker can determine about thousands of jobs, if rating agencies have the force on the economics, there must be an increasing public attention on this problems.

Rich and the poor will always exist, but if the ratio is not balanced, the situation is dangerous for the community. If politicians prefer themselves and their friends and not the country that they govern and represent, I think that’s happening in Germany too.

How long does it will be continuing in a safe way? How long does the German people will accept the injustice when especially large companies almost pay nothing for power/electricity, or our government does not sign the UN Convention against Corruption ? I will not complain, but we German have a really good life. Nevertheless we are facing the same problems.

In my example I am referring to the Greeks. If you have a kind of second home since 25 years in the southern Europe, you will find these situation in Spain or Italy as well. Would it not be very easy and very simple to send positive signals? If you are on holiday in the Mediterranean you take pleasure on the “joie de vivre”, the hospitality und the good weather, which automatically ensures a positive atmosphere. Now we can give something back without spending an euro. We should give confidence and strength to the people. They want to solve their problems by themselves and we should not beat their pride. We only have to invest a smile, an encouraging word and a little patience.

Dear Greeks, keep the head high and fight on! – Αγαπητοί Έλληνες, ψηλά το κεφάλι και να αγωνιστεί σε!

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3 Gedanken zu “Krisi 2012

  • 29. September 2012 um 21:01
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    Ein schöner Bericht, Herr Jeschke.
    Danke dafür.
    Es ist eine gute Geste, mit einem Lächeln auf die Griechen zu zu gehen, dort Urlaub zu machen und sich der “griechischen Lebensart” hinzugeben.
    Und es stimmt, dass ein gewisser Teil der Medienlandschaft mit ihrer plakativen Berichterstattung Zwietracht säht. Hier wie dort.

    Aber die gute Geste unsererseits wird nicht reichen.
    Meine griechischen Freunde sind allesamt einfache Leute. Einige leben mehr und andere weniger gut.
    Ihnen gemeinsam ist ein abgrundtiefes Misstrauen gegen die Obrigkeit.
    Es gab wohl noch nie eine Führung in diesem Land, welche dem Volk gutes tat.
    Wenn, dann tat man sich selbst noch besseres.
    Die Führung des Landes ist ein Klüngel. Die Macht liegt in den Händen weniger Familien.
    Meine Freunde empfinden vieles als Willkür, was geschieht, man fühlt sich ausgeliefert, ohnmächtig, wenn nicht verzweifelt.
    Die Krise erfordert neue Wege. Diese Gewissheit ist vorhanden.
    Ich habe aber wenig Vertrauen darauf, dass die alten Gesichter neue Wege zu gehen bereit sind. Meine Freunde haben das auch nicht, gleich, ob sie ND oder Pasok oder sonstwas wählen.
    Sie wählen schlicht das ihrem Empfinden nach kleinere Übel.
    Mangels vernünftiger Alternativen.

    Auch bei uns kann man immer wieder Anklänge dieser Verdrossenheit spüren. Aber Deutschland hat eine kurze, jedoch andere, tiefgreifendere demokratische Tradition.
    Wir trauen unserem SYSTEM was zu; die Griechen trauen ihrem politischen System nichts positives zu.
    Da ist es kein Wunder, dass junge Leute auf die Barrikaden gehen.
    Denn sie wissen, dass sie mit ihrem Wahlzettel keine Veränderung erreichen.
    Sie müssen jetzt noch lernen, dass Gewalt ebenso wenig geeignet ist, eine Veränderung herbei zu führen.
    Sinnvoll eingesetzt ist ihre Energie und Tatkraft eigentlich genau das, was das Land braucht. Neue Gesichter mit neuen Ideen…

  • 2. Oktober 2012 um 13:04
    Permalink

    Die Einschätzung, dass bei den normalen Griechen ein abgrundtiefes Misstrauen gegen “die Politik” ganz allgemein herrscht, habe ich auch so erlebt und sehe nun, dass das wohl keine Einzelmeinung ist.

    Geschichtlich lässt sich das leicht erklären: Abgesehen von der klassischen Zeit kurz nach den Perserkriegen waren die Griechen fast nie mehr selbstständig. Im Peloponesischen Krieg kämpfen Spartaner und Athener finanziert mit extrem großen persischen Mitteln um die Vorherrschaft (die von den übrigen Griechen durchaus als Fremdherrschaft erlebt wurde), dann die Makedonische Vorherrschaft, dann die Römer. Gut, von ungefähr 400 bis 1200 hat man das wohl nicht mehr so sehr als Fremdherrschaft empfunden, aber es war die Dikatatur einer relativ kleinen Oligarchie. Dann kamen Franken, Türken, Venetianer, Genuesen, schließlich wurde Griechenland mit einem Zwangskönig beglückt, von Italienern und Deutschen besetzt und dann eine Militärdiktatur, die bestimmt auch nicht von der Mehrheit des Volkes unterstützt wurde.

    Ganz im Gegensatz zu Deuschland. Wir hatten zwar oft unfähige oder korrupte oder unter Hitler sogar verbrecherische Regierungen, aber es waren unsere eigenen von wenigen Ausnahmen abgesehen. Die staatliche Demokratie in Griechenland ist also sogar eher jünger als in Deutschland.

    Der Zentralbegriff der griechischen Seele Eleutheria (Freiheit) in Verbindung mit Demokratie war also durch mehr als Zweitausend Jahre eine Vision, ein Traum und somit durch völlig unerfüllbare Erwartungen überfrachtet. Als dann die Demokratie kam, haben die Parteien (PASOK und ND) versucht, diesen Traum zu realisieren: Fast jedem ein staatliches Einkommen, den Reichen und der Kirche auch in jeder noch so kleinen Kleinigkeit bloß nicht auf den Fuß treten. So ein bisschen wie Dauerweihnachten.

    Die Griechen haben dem Staat zwar immer noch abgrundtief misstraut, aber die Geschenke hat man gerne genommen. Die wirkliche Loyalität galt und gilt trotzdem nicht “dem Staat”, sondern der Familie. Die kann natürlich einiges auffagen, aber durch die demografische Entwicklung wie fast überall in Europa, kann sie das jetzt beim besten Willen nicht mehr alleine.

    Jetzt bricht also für die ganz normalen Griechen nicht nur eine Wirtschaftsordnung, sondern ein Weltbild zusammen. Wichtiger als den Staat im Eilverfahren vom Selbstbedienungsladen für viele zum ernsthafen Gemeinwesen umzubauen, ist ein unbedingt notwendiger Bewusstseinswandel vom “die bösen” oder wahlweise “doofen Politiker” hin zu “unser Staat” – und jetzt sage ich was ganz provokatives: da haben die Türken den Griechen einiges voraus. – Krise ist griechisch und heißt im Grunde “Entscheidung”. Menschen sind aber träge und fällen weitreichende Entscheidungen nur, wenn der übliche Schlendrian unweigerlich in den Abgrund führt.

    Jetzt hat Griechenland die Chance einen ernstzunehmenden demokratischen Staat zu schaffen und die meisten jungen Leute, wie das in einem Beitrag zu lesen war, sind sich dessen auch im Klaren. Ich hoffe inständig, dass die Alten ihre eigenen jungen Leute machen lassen und ihnen Vertrauen entgegenbringen. Das die Reichen wirklich bereit sind, Opfer zu bringen. Dann wünsche ich mir von uns, also den Mittel- und Nordeuropäern, Hilfe an der richtigen Stelle ohne Besserwisserei und Bevormundung. Und von den Griechen den Mut, diese Hilfe anzunehmen (siehe z.B. Kataster- oder Steuerwesen).

  • Pingback: Der Friedri.ch – Ximeroni

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